Sam Auinger:
Denken mit den Ohren / hearing perspective

Warum Stadtklang (= auditiver Lebensraum) heute neu ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rückt, ist vielleicht einerseits darin begründet, dass im Hörsinn auch der Raumsinn liegt. Dass das auditive Wahrnehmen einer Lebensumgebung unsere emotionale Bindung an diese wesentlich mitbestimmt und wir diese atmosphärische Notwendigkeit immer mehr vom real auditiven in den real subjektiv gestalteten medialen Raum (smartphone, i-pod, …) verschieben. Und andererseits, dass die auditive Qualität eines urbanen Raums auch immer eine Konsequenz des Designs im architektonischen wie im städteplanerischen Sinn ist… ob zufällig oder gewollt. 

Jede Stadt/jeder Ort, erzählt ihre/seine auditive Geschichte, so wie jeder Raum spricht und ein Klangereignis färbt. Jahreszeit, Topografie, Architektur, ökonomische und soziale Struktur und Dynamik, all das lässt sich hören. Wenn ich auf die Straße gehe, die Stadt durchwandere und ihr zuhöre, dann höre ich unsere Kultur. Sie ist laut, ruhelos, von Verbrennungsmotoren-, Strom- und Medienklängen dominiert, und sie ist verknüpft und vermischt mit einem Netz von Infrastruktursystemen.

 

Mich interessiert die Frage, was unsere urbanen Räume, und die Art und Weise wie wir darin unsere sozialen und ökonomischen Interaktionen organisieren, meinen Sinnen zu bieten haben… dabei gilt mein besonderes Interesse dem Hörbaren.

Seit der Renaissance haben wir eine visuelle Perspektive entwickelt, eine Sprache dafür, wie wir mit Bildern und unseren visuellen Eindrücken umgehen und sie kommunizieren. Wir haben nichts Vergleichbares für die Welt des Auditiven. Es fehlt uns die Sprache um z.B. die komplexe akustische Wellenform einer städtischen Umgebung zu beschreiben und auch dafür, was deren Klänge mit uns machen, wie wir durch sie einen Raum, einen Ort, eine Situation empfinden… mit der »hearing perspective« versuchen wir eine Sprache für die hörende Welt zu entwickeln...

Architektur definiert die Soundbox für uns und unsere Klangereignisse… jeder gebaute Raum färbt durch Form und Materialität ein Klangereignis, im Reflektieren und Resonieren, in seiner Halligkeit oder Dämpfung… jeder Klang ist in seinem auditiven Erleben mit den architektonischen Eigenschaften seines Ereignisraums verwoben. Städteplanung definiert die Möglichkeiten einer dynamischen Klangausbreitung und -mischung aller in ihr möglichen Klangereignisse… ihr Schwerpunkt liegt im Atmosphärischen, im möglichen Mix der vielen Stimmen und in den rhythmischen Strukturen von größeren urbanen Räumen.

 

Es erleichtert, sich dem Thema Stadtklang (= auditiver Lebensraum) zu nähern, wenn wir den Begriff Klang von seiner traditionellen musikalischen und technischen Definition befreien und ihn in diesem Zusammenhang um das wahrnehmbar Hörbare erweitern. Denn eine genaue Unterscheidung zwischen Klang und Geräusch verkompliziert das Thema nur unnötig – und die Unterscheidungsgrenzen verschieben sich ohnehin je nach Betrachtungsweise.

Um Stadtklang zu kommunizieren, hilft es, z.B. Begriffe wie Klanglandschaft/Lautsphäre und die Grundsätzlichkeit der Wechselwirkung von Klang, Raum und Architektur sich bewusst zu machen.

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